...ich stehe vor einer dicken kalten Glasscheibe, hoch und breit, so dass ich kein
Anfang und Ende sehen kann. Ich stehe mit entblößtem nackten Körper, mich frostet,
mein Puls rast, mein Herz pocht und betäubt meine Ohren. Ich taste mich ganz
langsam weiter, doch ich kann nichts sehen, meine Augen sind voller Tränen, ich
kann nichts spüren, meine Finger sind kalt, unempfindlich. Ich presse mich an die
Glasscheibe mit meiner ganzen Kraft. Ich spüre und schmecke sie mit meinem Mund,
die Scheibe ist nass und kühl, ich presse mich noch weiter heran, so dass kein
Millimeter zwischen uns liegt.
Doch ich kann sie nicht erfassen, nicht umarmen, sie
ist glitschig, abweisend, ich spüre wie die Kälte in mein Körper fließt, wie die Kälte
mich einnimmt, sie mich mit ihrer kalten frostigen Umarmung einengen will. Ich will
mich entreißen, ich schaffe es und renne ganz schnell entlang der Glasmauer. Ich laufe
bis mich mein Atem verlässt, bis meine Kräfte mich verlassen. Ich schaue ein wenig
hinauf und sehe plötzlich eine Tür, sie ist fest verschlossen, mit großen Schlössern
versehen. Meine Tränen haben aufgehört zu fließen, ich kann plötzlich besser sehen,
ich kann sehen was auf der Tür steht, mit großen Leuchtbuchstaben wie eine Reklame:
...du darfst dir nicht zu viel erwarten, du kannst dein altes Leben nicht zurück haben...
es wird alles anders, du kannst nicht davon laufen...
...ich lese es und kann nicht fassen, kann nicht begreifen, kann nicht verstehen, will es
nicht wahrhaben. Es sind zu viele Worte, zu viele Sätze, zu viele... es schmerzt, dieser
Schmerzt ist dumpf, kommt krampfartig, überströmt mein Körper, mein Herz meine
Seele. Nimmt mich ein. Ich stehe mit nacktem Körper, mein Herz liegt offen auf
meiner Hand. Eigenartig, ich sehe plötzlich mein Herz, ein stück Fleisch, mit Adern
so blau wie meine Augen. Ich begreife jetzt erst, was ich mir da angetan habe. Ich
kann plötzlich Sinn der Worte begreifen, der Sinn war immer da, es war alles nahe
liegend, nur ich war so berauscht, benommen, von meinem körpereigenen Opiaten
betäubt.
Wollte alles nicht wahrhaben, ich flüstere ganz leise : "was habe ich mir da
angetan..."
Es fing an zum regnen, ich fühle deutlich jeden einzelnen Tropfen, es sind aber zu
viele um zu zählen, viel zu viele. Der Regen aber, war befreiend, nahm meine Tränen
mit, meine Schmerzen, mein Kummer, das Warten, all die Worte, die so schmerzten,
die mich verletzten, die mich kränkten. Befreiend war er, sehr befreiend... Ich blieb
noch eine Weile stehen, denn ich wusste der Regen, das Wasser, die Tropfen sind rein
und wohltuend. Ich hob mein Kopf und schaute hinauf, der Regen hatte mich mit
meinem langen Haar zugedeckt, mich angezogen.
Ich stand da, rein, gewaschen, sauber, genährt, gestärkt, voller Zuversicht, dass all das,
was ich mir wünsche in Erfüllung geht, aber ich sagte nur leise, flüsternd:
war das doch nicht ein Traum...?
